Das leise Verschwinden von Müttern
Es gibt einen Moment, den viele Alleinerzieherinnen kennen. Einen Moment, in dem man merkt: Hier geht es nicht mehr um mein Kind – hier geht es um ein System, das etwas durchsetzen will.
Wenn die Institution nicht weiter weiß
Ich bin Mutter. Und ich habe gelernt, dass diese Rolle in Trennungs- und Kontaktrechtsverfahren schnell kippen kann. Von der schützenden Bezugsperson zur „Problemursache“. Nicht, weil man etwas falsch gemacht hat – sondern weil Kinder nicht so funktionieren, wie Verfahren es vorsehen.
Meine Kinder haben den Kontakt zu ihrem Vater schrittweise verweigert. Erst einzelne Wochenenden, später ganz. Seit einiger Zeit ist diese Ablehnung konstant. Nicht leise, nicht unklar, sondern begleitet von Angst, Rückzug, Tränen. Von einem klaren inneren Nein.
Was folgt, kennen viele
Maßnahmen. Gespräche. Abklärungen. Begleitung. Immer neue Settings, immer neue Versuche. Besuchscafé. Mediation. Kinderbeistand. Elternberatung. Jugendhilfe. Gericht. Ich habe all das mitgetragen. Ich habe ermöglicht. Ich habe gehofft. Und irgendwann musste ich mir eingestehen: Es wird nicht besser.
Was sich stattdessen verändert hat, war der Blick auf mich.
Plötzlich ging es weniger um die Frage, warum Kinder so deutlich ablehnen, sondern darum, was mit der Mutter nicht stimmt. Der Begriff „Entfremdung“ tauchte auf – selten offen, oft zwischen den Zeilen. Als Möglichkeit. Als Verdacht. Als Erklärung, die bequemer ist als die Realität kindlicher Grenzen.
Dabei zeigten meine Kinder ihre Ablehnung überall. Nicht nur bei mir. Auch bei neutralen Personen. Auch ohne meine Anwesenheit. Über Monate. Über Jahre. Und trotzdem blieb der Zweifel an mir.
Das ist etwas, worüber selten gesprochen wird: Sekundäre Viktimisierung.
Wenn nicht mehr das Leid der Kinder im Zentrum steht, sondern das Verhalten der Mutter problematisiert wird. Wenn Schutz als Kontrolle gelesen wird. Wenn Fürsorge plötzlich verdächtig wirkt.
Besonders schmerzhaft wird es, wenn die ökonomische Macht, wie so oft, ungleich ist. Das Kontaktrechtsverfahren weiterführt auch wenn es den anderen Elternteil ökonomisch zerstört bis zur Forderung nach psychologischen Gutachten. Kontakt um jeden Preis. Auch dann, wenn Kinder längst überfordert sind.
Ich schreibe diesen Text nicht, um jemanden anzuklagen.
Ich schreibe ihn, weil ich glaube, dass viele Alleinerzieherinnen an einem ähnlichen Punkt stehen – leise, erschöpft, verunsichert. Zwischen Kooperation und Selbstaufgabe. Zwischen Verantwortung und Überforderung.
Irgendwann kommt der Moment, in dem man sagen muss: Genug ist genug.
Nicht aus Trotz.
Nicht aus Verweigerung.
Sondern aus Verantwortung.
Vielleicht brauchen wir weniger Maßnahmen.
Und mehr Mut, Grenzen ernst zu nehmen – auch die von Kindern.
Vielleicht brauchen wir weniger Misstrauen gegenüber Müttern.
Und mehr Vertrauen in das, was sie täglich leisten.
Dieser Text ist kein Abschluss.
Er ist eine Einladung, genauer hinzusehen.
Larissa



