Wenn ein Mensch geht, bleibt Trauer und viel Chaos
Vor gut zwei Monaten ist meine Schwester gestorben. Wir wussten, dass sie krank war und sterben würde – und trotzdem kam alles viel zu schnell. Zu schnell, um es wirklich zu begreifen. Zu schnell, um sich innerlich darauf vorzubereiten. Seit diesem Moment ist nichts mehr wie vorher.
Vor allem nicht für mein Kind
Gefühle waren bei uns schon immer ein Thema – aber dieser Verlust hat alles noch einmal verstärkt. Seine Gefühlswelt ist lauter geworden, unruhiger, schwerer auszuhalten. Und ich sehe jeden Tag, wie sehr er damit kämpft.
Und während er versucht, irgendwie damit klarzukommen, renne ich. Ich organisiere. Ich halte zusammen. Ich bin die, die Termine macht. Die zur Therapie fährt. Die Gespräche führt. Die auffängt, wenn alles zu viel wird.
Zum Glück sind wir schon länger an den Familiendienst angebunden. Eine Unterstützung, für die ich unglaublich dankbar bin. Dort bekommt nicht nur mein Kind Hilfe, sondern auch ich. Denn ganz ehrlich: Es ist nicht nur schwer, ein Kind durch so eine Zeit zu begleiten – es ist manchmal auch überwältigend.
Und dann gibt es da noch den anderen Elternteil
Emotional war er nie wirklich greifbar. Oft meldet er sich nicht. Aber wenn mein Kind sagt, dass es gerade nicht kann, nicht möchte, nicht bereit ist – dann ist er plötzlich da. Nicht mit Verständnis. Sondern mit Druck.
Nachrichten wie: „Willst du nicht mehr zum Papa?“ oder „Ich hab dich doch so lieb.“ Musikvideos, Worte, die vielleicht liebevoll gemeint sind – aber in dieser Situation vor allem eines tun: Druck aufbauen.
Denn ein Kind, das ohnehin kämpft, braucht keine Entscheidungen, die es treffen muss. Es braucht Raum. Sicherheit. Verständnis.
Nachdem mein Kind nun das zweite Wochenende nicht zu ihm wollte, steht plötzlich das Wort „Gericht“ im Raum. Gleichzeitig lehnt er den Familiendienst ab – genau die Unterstützung, die unserem Kind helfen soll.
Ein Termin im Februar wurde von ihm nicht wahrgenommen. Ein neuer Termin steht an. Eine neue Chance, gemeinsam hinzusehen. Doch statt Kooperation kommt Druck. Als würde es hier um Recht haben gehen. Als könnte man Gefühle einklagen. Aber hier geht es nicht um Macht. Nicht um Stolz.
Es geht um ein Kind, das gerade versucht, mit Verlust, Trauer und seiner eigenen Gefühlswelt klarzukommen.
Und ich fange auf – wieder
Und alleinerziehend zu sein bedeutet oft, genau das alleine zu tragen: Die Verantwortung. Die Organisation. Die emotionale Last. Und trotzdem jeden Tag aufzustehen. Weiterzumachen. Für sein Kind da zu sein – egal wie schwer es manchmal ist.
Ich hoffe, dass er diese Blockade irgendwann lösen kann. Dass er erkennt, worum es hier wirklich geht: nicht um ihn, sondern um unser Kind. Wir sind stark. Stärker, als wir oft selbst glauben.
Und auch wenn es Tage gibt, die uns alles abverlangen:
Wir schaffen das.
Für unsere Kinder.
Und irgendwann auch wieder ein Stück mehr für uns selbst.
Deine Julie



