Balancieren, bis es wieder geht
Meine kleine Maus will nicht mehr beim Papa schlafen. Seit vier Monaten jetzt. Mal geht es doch und dann wieder nicht. Der Auslöser: Unbekannt. Ich weiß ihn nicht. Und ich weiß auch noch nicht, wie ich das lösen soll. Es fühlt sich an, wie ein Balanceakt auf dem Hochseil – ohne Training und ohne Absicherung. Kein Sicherheitsnetz. Kein Sicherungsseil. Dieser Beitrag ist für alle, die gerade auch auf dem Seil tanzen und denken: Bin ich die Einzige? Nein. Bist du nicht.
Freitagnachmittag: Papa ist da. Endlich.
Und wie immer. Meine Tochter springt aus der Tür und direkt ins Auto, vergisst Tschüss zu sagen. Mein Sohn auch. Die Tür knallt hinter ihnen und weg sind sie. Früher hat mich das getroffen. Heute nicht mehr, weil ich weiß: Wenn sie heimkommen, vergessen sie ihm Tschüss zu sagen. Ausgleich. Zumindest da ist das Leben fair. Ich also ab ins Büro, Laptop auf, Arbeitsmodus an. Das Wochenende gehört mir und der Arbeit, die ich unter der Woche nicht geschafft habe. Ich arbeite. Wirklich. Das ganze Wochenende. Nicht weil ich das so toll finde, sondern weil es keine andere Option gibt. Weil das mich und meine Kinder finanziell absichert. Weil das meine Verantwortung ist.
Samstagabend. Das Telefon.
Sie weint. „Mama. Ich will heim. Ich kann nicht bei Papa schlafen.“ Ich erstmal still. Kurz tief durchatmen. Seit vier Jahren schläft sie beim Papa. Das hat immer wunderbar geklappt. Was ist heute los? Also beruhige ich sie zuerst und frage dann nach, wie immer. Warum? Wie geht es dir? Was ist passiert? Ich muss ein Gefühl kriegen, bevor ich handle. Aus dem Gespräch: Nichts Konkretes. Kein Streit. Kein Drama. Kein Papa-ist-blöd. Sie will einfach heim. Ich stärke sie, wie ich es immer mache, wenn sie in einer schwierigen Situation ist: „Maus. Sag dem Papa, er soll dich in den Arm nehmen und ausnahmsweise noch eine Geschichte lesen. Du schaffst das. Es geht dir gut bei ihm. Versuche es noch einmal.“ Sie legt auf, mit dem Versprechen, es zu probieren. Eine halbe Stunde später ruft er mich an. Sichtlich überfordert, sie schreit im Hintergrund, seine knappe Ansage: „Was hast du ihr am Telefon eingeredet? Jetzt dreht sie völlig durch. Komm sie holen und dann kann sie morgen auch bei dir bleiben. Das hin und her will ich nicht.“ Ich stehe da. Telefon in der Hand. Sprachlos.
Mein Mama-Herz schlägt
Bin ich sauer? Ja. Komme ich trotzdem? Auch ja. Weil das so ist. Weil ich Mama bin. Weil ich es nicht schaffe, mein Kind nicht zu retten, wenn es weint. Egal was vorher war. Also hole ich sie ab. Am nächsten Tag will sie nicht mehr hin. Sie hat gehört, dass Papa gesagt hat, wenn du gehst, dann musst du nicht mehr kommen. Schade. Dieser Satz hat was mit ihr gemacht. Und nein, das ist nicht meine Verantwortung. Das ist seine. Das hat er verbockt. Ich kann sie nur auffangen und trösten, aber wieder gut machen kann ich das nicht.
Der Drahtseilakt. Ohne Bedienungsanleitung.
Inzwischen geht das nun vier Monate. Der Papa hat inzwischen begriffen, was er angerichtet hat und es tut ihm leid. Ich habe kein Problem, wenn er mal einen Fehler macht. Ich mache auch welche. Schließlich ist es unser erstes Kind. Da muss und kann nicht alles perfekt sein. Die Frage ist nur, wie wir jetzt damit umgehen. Aus meiner Sicht: Lösungen suchen. Ausprobieren. Wenn es nicht geht, einen anderen Weg wählen. Aus den Sackgassen lernen und zurück zum Startpunkt. Noch einmal von vorne. Dran bleiben. Manchmal klappt’s am Wochenende wieder. Manchmal nicht.
Was mich trotzdem beschäftigt
Wo ist die Grenze? Zwinge ich sie beim Papa zu schlafen, weil ich meine Wochenenden brauche und weil er ein gesetzliches Recht auf Übernachtung hat und ignoriere dabei, was sie mir gerade sehr klar sagt? Oder nehme ich sie ernst und riskiere damit, dass sie verlernt, zu sagen, was sie fühlt? Muss sie schwierige Situationen aushalten und wenn ja, wie lange? Was ist hier noch zumutbar und was ist schon traumatisch? Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Und das ist das Schwerste daran, nicht die schlaflosen Nächte, nicht das Abholen um halb elf, sondern dieses permanente Nicht-Wissen, ob ich gerade das Richtige tue. Ob sie mir später sagt: Du hast mich gehört. Oder: Du hättest mich schützen sollen. Ich hab ihr beigebracht, zu sagen was sie braucht. Dass das dann beim Papa als „schwierig“ gilt, ist der Teil, der mir wehtut. Dazu kommt noch der Bruder: Darf er bleiben, weil er im Moment der „pflegeleichte“ Sohn ist, während sie als „Schwierige“ weniger Papa-Zeit hat, hat das direkt Auswirkungen auf die Geschwister-Beziehung. Denn Eifersucht entwickelt sich leise. Aber sie entwickelt sich. Es gibt keine gute Antwort auch hier. Keine, die nicht irgendwo wehtut.
Was ich trotzdem glaube.
Halten. Aushalten. Nicht nachgeben, aber zuhören. Papa und ich reden. Wir verstehen die Situation des anderen und finden einen Kompromiss: Vorerst bleiben beide Kinder nur Samstag früh bis Sonntag Abend bei ihm. Und: Wir sammeln gemeinsam Ideen: Was braucht sie, um gut bei Papa zu schlafen? Sie ernst nehmen, ohne sofort zu kapitulieren. Und ja: Es ist seine Verantwortung, dass es ihr bei ihm gut geht. Das ist nicht böse, das ist fair. Er muss ja auch darauf vertrauen, dass es den Kindern bei mir gut geht. Und ich kriege das die ganzen anderen Tage hin. Also soll er es die zwei hinkriegen. Und ehrlich: Ich sehe es trotz allem gelassen. Wir müssen nun mal die Kinder zwischen uns balancieren. Und manchmal fliegt jemand vom Seil. Manchmal er. Manchmal ich. Und manchmal die Kleine. Hochseilartisten müssen schließlich auch trainieren und die steigen einfach wieder aufs Seil, wenn sie gefallen sind und machen weiter. Das spornt mich an.
Was, wenn die Lösung banal ist?
Vielleicht ist meine Tochter auch einfach eine Heimschläferin. Es gibt Kinder, die schlafen nur zuhause, die brauchen ihr Bett, ihren Geruch, ihre Stille, die können das gar nicht anders. Und wenn ich ehrlich bin: Ich war auch so. Bei mir gab es nur ein Zuhause. Das machte es einfacher. Bei meinen Kids gibt es eben nun mal zwei – das ist schön, aber manchmal ist es auch verdammt anstrengend für ein Kind, das noch lernt, wie Leben so geht. Sie regulieren sich über mich, weil ich nun mal die wichtigste Bezugsperson bin. Und wir arbeiten daran, dass sie noch lernen, es auch woanders zu können. Noch sind wir also mittendrin. Im Lösung suchen. Im Auseinandersetzen. Im Aushalten. Mal sehen, ob sie es dieses Wochenende schafft, aber ich bin guter Dinge. Und wenn nicht, dann regle ich das. Wie sonst auch immer.
Weil wir Alleinerziehenden alles schaffen.
Deine Sandra.