Scheiß auf Frieden
Sonntagabend. Ich lasse die Kinder vor dem Fernseher sitzen und gehe durch die Terrassentür nach draußen. Ein lauer Herbstabend. Der Papa hat die zwei Mäuse gerade von seinem Wochenende heimgebracht. Wie immer überdreht, dreckig und fröhlich. Ich betrete die kühlen Platten barfuß und schließe die Tür hinter mir. Im Hochbeet sprießen noch Salat, Kohlrabi und Gurken. Sieht aus wie aus dem Schöner-Wohnen-Magazin. Aber ich weiß es schon: Das Gemüse braucht Wasser. Die Giesskanne steht bereit. Ich gehe vorbei. Richtung Wiese.
Meine Gedanken schweifen ab. Ich höre noch seine Worte beim Abschied: „Wir hatten keine Zeit für die Hausaufgaben. Und die Malreihen haben wir auch nicht geübt, die können sie doch eh schon so gut. Wir hatten einfach nur Spaß dieses Wochenende.“
Ich bin noch da
Die Grashalme kitzeln zwischen den Zehen. Und ist da ein Igel-Häufchen? Während ich meinen Zehen beim Fühlen zuschaue, spüre ich meinen Körper langsam wieder.
Bis vor zwei Monaten hat das nur die Zigarette geschafft. Sobald es in meinem Bauch zu schwelen begann, ging ich raus, zündete mir eine an und zog den Rauch tief ein. Das Nikotin rauschte durch meine Venen. Und ich wusste: Ich bin noch da. Ich lebe noch. Die Glut hat mich noch nicht verbrannt.
Ich habe aufgehört zur rauchen. Jetzt gehe ich barfuß. Heute stehe ich dabei in den Überresten, die der Igel hinterlassen hat. Und rieche, dass ich noch da bin.
Das Gänseblümchen-Orakel
Ich befreie mich mit einem Schritt und trete fast auf eine Reihe Gänseblümchen. Hartnäckig wachsen sie. Obwohl es Herbst ist und ich erst letzte Woche gemäht habe. Ein letztes Aufblühen. Kürzer. Kleiner. Aber sie sind da. Ich pflücke eines, setze mich ins Gras und zupfe die Blütenblätter einzeln ab.
Ich flüstere im Takt: Der Blitz soll ihn treffen. Karma richtet das schon. Der Blitz soll ihn treffen. Karma richtet das schon.
Verzeihen will ich nicht
Mein Therapeut sagt, ich soll ihm verzeihen. Meine Mama sagt das auch. Anscheinend ist das der Weg zum inneren Frieden. Verzeihen ist nicht einfach. Ich bereue meine Kinder keine Sekunde.
Mein Leben ist gut so, wie es ist. Zumindest meistens. Ihm verzeihen will ich trotzdem nicht. Er hat sich das Gehen ausgesucht. Seitdem muss ich die Konsequenzen tragen. Alleine. Ich habe keine Optionen mehr. Dafür, dass er mir das aufbürdet, gibt es keine Entschuldigung. Nur ein weiter gehen.
Die Ameise und ich
Der Blitz soll ihn treffen. Das letzte Blütenblatt fällt und landet fast auf einer Ameise. Ich beobachte, wie sie sich durch das Dickicht der Grashalme kämpft. Auf dem Rücken: ein weißes Blütenblatt. Viel größer als sie selbst. Sie trägt tapfer und marschiert weiter.
In meiner Hand liegt der Rest des Gänseblümchens. Ein kleiner, gelber Knopf. „Scheiß auf Frieden“, sage ich laut und zerquetsche ihn zwischen den Fingern. Der Frieden kann warten. Die Hausaufgaben auch.
Dann stehe ich auf, gehe an der Giesskanne vorbei und zurück in meinen Wahnsinn als Single Mom.
Weil wir Alleinerziehenden alles schaffen.
Deine Sandra